Geschichtliche
Entwicklung der Auswanderung aus der Türkei
Bewertung der Auswanderung unter dem Gesichtspunkt der Fünfjahrespläne
Verehrte Gäste,
herzlich willkommen zu dieser internationalen Konferenz, die durch die
Hacettepe-Universität, Hochschule für Soziale Fürsorge
in Zusammenarbeit mit der Forschungs- und Ausführungszentrale für
Europäische Gemeinschaft der Ankara Universität (ATAUM) und
dem SKA e.V., Darmstadt, Deutschland, veranstaltet wird.
Die Auswanderung aus unserem Land nach Westeuropa ist ein Beispiel für
ein vorübergehendes Weggehen aus wirtschaftlichen Gründen. Die
Türkei hat sich diesem Wanderungsprozess nach den westeuropäischen
Ländern wie Spanien, Italien, Jugoslawien angeschlossen. Eine Auswanderung
zieht immer die Rückkehr in die Heimat nach sich. Deshalb wurden
nach dem ersten Auswanderungsstrom auch Rückwanderungen beobachtet.
Die Auswanderung der Arbeiter aus der Türkei bewirkte bedeutende
soziologische Veränderungen in unserer gesellschaftlichen Struktur.
Unser Land war auf diese Veränderungen nicht vorbereitet. Deshalb
stoßen sowohl der ausgewanderte Arbeiter und seine Angehörigen
in der Heimat als auch der in die Heimat zurückgekehrte Arbeiter
und seine Familie auf Probleme. Diese Thematik ist der Gegenstand der
heutigen Versammlung sind und wir werden hierüber diskutieren.
Die Bewertung des in unserem Land seit 42 Jahren dauernden Auswanderungsprozesses
und die Erörterung von Lösungsvorschlägen sind wichtige
Punkte der Tagesordnung.
Ich wünsche den Institutionen, die diese Versammlung veranstaltet
haben sowie den Rednern und Teilnehmern viel Erfolg.
In diesem Vortrag wird die Geschichte der Auswanderung aus der Türkei
nach Deutschland unter dem Gesichtspunkt der Fünfjahrespläne
bewertet.
AUSWANDERUNG
Auswanderung „ist das Gehen von Menschen aus einem Land ins Ausland
für eine Dauer von über ein Jahr, um dort zu arbeiten“
(Gökdere, 1978:11). Der Beweggrund der Arbeitskräftewanderung
ist wirtschaftlich. Den Entschluss auszuwandern, fassen im allgemeinen
junge, unternehmungslustige und für Neuerungen empfängliche
Individuen, die ihre sozioökonomische Lage verbessern möchten.
Länder, die Arbeitsmigranten aufnehmen möchten, wählen
diejenigen Arbeiter aus, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und beruflicher
Qualifikation die gewünschten Eigenschaften und Fähigkeiten
besitzen.
Die der Auswanderung zugrundeliegende Faktoren müssen auf individueller,
nationaler und internationaler Ebene behandelt werden. Die Auswanderung
ist als ein Faktum mit verschiedenen Gründen und vielfältigen
Folgen zu bewerten.
Die Auswanderung von Arbeitskräften aus Entwicklungsländern
in die Industrieländer hat in den Jahren nach dem II. Weltkrieg allmählich
zugenommen. Westeuropäische Länder versuchten den Mangel an
Arbeitskräften, die sie für ihre, ab Mitte der 50er Jahre sich
rasch entwickelnde, Wirtschaft benötigten, durch Beschäftigung
von ausländischen Arbeitern auszugleichen.
GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DER AUSWANDERUNG AUS DER
TÜRKEI
Türkische Arbeitskräfte begannen auf der Grundlage der Einladung
von deutschen Arbeitsämter nach Deutschland zu gehen. Diese Einladung
hatte den Zweck Arbeitskräfte auszubilden und sie für die deutsche
Industrie zur Verfügung zu stellen. Die Programme, die zur Weiterbildung
und Erweiterung der Kenntnisse der Arbeitskräfte des aufgenommen
wurden, konnten in den darauf folgenden Jahren fortgesetzt werden. Zwischenzeitlich
fingen auch einige private türkische „Übersetzungs- und
Arbeitsvermittlungsbüros“ an, Arbeiter nach Deutschland zu
vermitteln.
Durch das Arbeitskräfteabkommen zwischen der Türkei und Deutschland
vom 30. Oktober 1961 wurde diese Entwicklung legalisiert und konnte damit
auch von staatlicher Seite überwacht werden. In den folgenden Jahren
wurden auch mit Österreich, Belgien, Holland, der Schweiz und Australien
Arbeitskräfteabkommen abgeschlossen und Arbeitskräfte konnten
legal in diese Länder zum Arbeiten auswandern. In den Jahren 1961
bis 1971 gingen zum größten Teil qualifizierte türkische
Arbeitskräfte im legalen Rahmen ins Ausland.
Bewertung der Auswanderung unter dem Gesichtspunkt
der Fünfjahrespläne
In den Fünfjahresplänen ist festzustellen, dass der wesentliche
Zweck für die Auswanderung von Arbeitskräften für die Türkei
darin bestand, die Ausbildung von unqualifizierten Arbeitern zu ermöglichen,
eine vorrübergehende Lösung für die zunehmende Arbeitslosigkeit
zu schaffen (Ege, 1982, S. 51) und die Hoffnung, dass die Devisen, die
diese Arbeiter ins Land bringen, ein positiver Beitrag zur Zahlungsbilanz
der Türkei geleistet werden könnte (Yasa, 1979, S. 6). Aus diesen
Gründen wurde die Auswanderung von Arbeitern in jeder Phase der geplanten
Entwicklungsperiode ab 1963 in der Türkei als eine sinnvolle und
notwendige Politik anerkannt.
Im ersten fünfjährigen Entwicklungsplan war im Rahmen der Förderung
von Beschäftigung und der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit „...ein
anderer Aspekt der Beschäftigungspolitik die Ausfuhr von überschüssiger
Arbeitskraft in die westeuropäischen Länder ist, die an Arbeitskraftmangel
leiden...“ (DPT - Staatliche Planungsorganisation - Erster fünfjähriger
Entwicklungsplan, 1963:456). Somit wurde das Aussenden von Arbeitern ins
Ausland durch Staatshand ein wichtiger Eckpfeiler der Beschäftigungspolitik.
in dieser Periode wurden die menschlichen Probleme, die ebenso wichtig
sind wie Beschäftigung und Devisen, nicht berücksichtigt (DPT
Probleme der Arbeiter im Ausland, Bericht der Unterkommission - Vor dem
fünften fünfjährigen Entwicklungsplan, 1983:4).
Im Zusammenhang mit den offiziellen Abkommen mit europäischen Ländern
wurde die offizielle Verantwortung für Aussendung von Arbeitern dem
Arbeitsamt (früher Amt für Arbeit- und Arbeiterbeschaffung)
übertragen. Im Zeitraum von 1961 bis 1967 wanderten 204.042 Personen
aus (Arbeitsamt, Jahresstatistik 1991, 1992:69).
Im zweiten fünfjährigen Entwicklungsplan wurde weiterhin betont,
dass „die Arbeiterauswanderung Einfluss auf die Minderung Drucks
des Beschäftigungsproblems hat“ (DPT, Zweiter fünfjähriger
Entwicklungsplan, 1967:141). Ferner wurde in diesem Plan die Situation
der Arbeiter im Ausland in einem Sonderkapitel behandelt und die im Laufe
der Zeit entstandene Folgen dargestellt: „...38 % der seit 1964
ins Ausland ausgesandten Arbeiter sind berufstätige Arbeiter. Diese
Größenordnung widerspricht dem Zweck, unqualifizierte Arbeiter
auszusenden. Es ist ebenfalls ein Widerspruch zu dem gestellten Grundsatz,
dass 60 % der Ausgesandten aus den westlichen Regionen stammen. Von den
ins Ausland ausgesandten Arbeitern arbeiten 87 % in Westdeutschland und
die restlichen in den anderen westeuropäischen Ländern. Davon
sind 15 % Arbeiterinnen. Von den im Ausland arbeitenden Arbeitern sind
18 % im Bau, 18 % im Bergbau, 64 % in der Industrie und Dienstleistung
tätig. Die meisten der ausgesandten Arbeiter sind in der Altersgruppe
der 25-35jährigen. Die Zahl derjenigen, die ihre Familie mitgenommen
haben, ist gering. Dabei ist der wichtigste Punkt, dass die Arbeiter keine
Fremdsprache beherrschen.“ (dito, 1967:141).
Alle diese Angaben deuten darauf hin, dass die Auswanderung von Arbeitskräften
dem Zweck, Ausbildung der unqualifizierten Arbeiter oder Beschäftigung
des landwirtschaftlichen Arbeitskraftüberschusses, nicht ganz diente.
Es wird sogar betont, dass „...die Antragsteller ihr Arbeitsleben
oft aufgeben...“, um auszuwandern (dito, 1967:143). Andererseits
vertritt man die Meinung, der Bedarf an Arbeitskräften in den Einwanderungsländern
würde ansteigen und entsprechend sei die Auswanderung von Arbeitskräften
in die zweite Planperiode zu übernehmen.
In der zweiten Planperiode, insbesondere in den Jahren 1969 und 1970,
erreichte die Auswanderung von Arbeitskräften den höchsten Stand.
Im Zeitraum von 1968 bis 1971 wanderten 450.423 Personen aus (Ön.Ver.
Jahresstatistik, 1992:69). Somit summierte sich die Zahl der auf legalen
Wegen ausgewanderten Arbeiter auf 654.465, wovon 83,16 % nach Westdeutschland
und 16,84 % in andere Ländern übersiedelten.
Die Abhängigkeit der Auswanderung vom Arbeitskräftebedarf der
Einwanderungsländer erschwerte die Möglichkeiten der gezielten
Politik von türkischer Seite. (Dpt, Fünfter fünfjähriger
Entwicklungsplan, Unterstützungsstudien, 1985:348). Die Auswanderung
aus der Türkei unterlag im Allgemeinen den wirtschaftlichen Schwankungen
der Einwanderungsländer.
Im dritten fünfjährigen Entwicklungsplan wurde zum einen die
Aussendung von Arbeitern gefördert aufgrund der Minderung des Arbeitslosenproblems
und der positiven Beiträge zur Zahlungsbilanz. Zum anderen wurde
eine Zusammenarbeit der beteiligten öffentlichen Einrichtungen vorgesehen,
um eventuelle Probleme der Arbeiter bei der Reise ins Ausland, im Ausland
und bei der Rückkehr entgegen zu wirken. Damit wurde das Aussenden
von Arbeitern mit den damit verbundenen sozialen und wirtschaftlichen
Aspekten erstmals auch als ein Prozess aufgefasst, der mit bestimmten
Problemen behaftet ist (DPT, Dritter fünfjähriger Entwicklungsplan,
1973:675; Vierter fünfjähriger Entwicklungsplan, 1985:348).
Das Auswanderung von Arbeitern über das Arbeitsamt erreichte 1973
den höchsten Stand mit 135.820 Personen. In Folge der im selben Jahr
erfolgten Ölkrise, welche die ganze Welt beeinflusste, Im Zeitraum
von 1973 bis 1977 wanderten 190.092 Arbeiter aus, davon lediglich 54.272
in den auf die Ölkrise folgenden Jahren (Ön.Ver. Jahresstatistik,
1992:69). In dieser Periode rückten anstelle der westeuropäischen
Länder, mittelöstliche und arabische Länder, insbesondere
ölreiche Länder wie Libyen und Saudi Arabien, an die erste Stelle
der Zielländer auswandernder Arbeiter.
Die Auswanderung in mittelöstliche und arabische Länder unterscheidet
sich von der in die europäischen Länder. Die Ausgesandten waren
fast alle männlich und qualifiziert. Die Auswanderung war für
eine kurze befristete Zeit und die Familienzusammenführung war somit
ausgeschlossen. Die Arbeiter waren zum großen Teil bei türkischen
Unternehmern beschäftigt.
Andererseits hatten westeuropäische Länder nach 1973 die Arbeiteraufnahme
von Ländern außerhalb der Europäischen Gemeinschaft eingestellt
und den Weg eingeschlagen, ihren Bedarf an Arbeitskräften aus dem
vorhandenen Arbeitskräftepotential und aus den Heranwachsenden zu
decken. Eine Politik, die die Arbeitsmigranten mit ihren Familien in das
Aufnahmeland integrierten, gewann an Bedeutung. Zum Beispiel erleichterte
die BRD die Bedingungen für die Erteilung einer Arbeitserlaubnis.
Nach 5 Jahren Aufenthalt wurde eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis
und nach 8 Jahren unbefristetes Aufenthaltsrecht gewährt (DPT, Vierter
fünfjährlicher Entwicklungsplan, 1979:137).
Ab 1980 bestand für türkische Staatsbürger eine Visumspflicht
für die Einreise in westeuropäische Länder . Dieser Umstand
führte zu einigen neuen Maßnahmen in der Beschränkung
der Familienzusammenführung (DPT, Probleme der Arbeiter im Ausland,
Bericht der Unterkommission, Vor dem fünften fünfjährigen
Entwicklungsplan, 1983:5).
Das Fehlen konkreter politischer Zielsetzungen führte eindeutig
in den europäischen Einwanderungsländer zu vorübergehenden
Lösungen. Deutschland rückte zum Beispiel ab 1978 die Integration
der eingewanderten Arbeiter und ihrer Familien in den Vordergrund. Als
sich in den folgenden Jahren die Wirtschaftsaufsichten verschlechterten
und gesellschaftlicher Druck gegen die Arbeitermigranten aufbaute, wurde
die Rückkehr ins Herkunftsland gefördert. (DPT, Fünfter
fünfjähriger Entwicklungsplan, Unterstützungsarbeiten,
1985:348).
Im vierten fünfjährigen Entwicklungsplan gewannen die Probleme
der Arbeiter und die Ausbildungsprobleme der Jugendlichen der zweiten
Generation sowie mögliche Lösungsansätze an Bedeutung.
In dieser Periode zwischen 1979-1983 wurden 189.114 Arbeiter ausgesandt
und damit erreichte die Summe der Arbeiter, die in einem Zeitraum von
22 Jahren, von 1961 bis zum Ende der vierten Planperiode auf legalen Wegen
ins Ausland gesandt waren, 1.052.523 (Ön.Ver. Unterstützungsarbeiten,
1992:69):
Es sind keine sicheren Angaben über die Rückkehrenden vorhanden.
Statistiken zu diesem Thema berufen sich im Allgemeinen auf ausländische
Quellen. Nach deutschen Angaben summiert sich die Zahl der aus Deutschland
in die Türkei zurück gekehrten Arbeiter auf 80.000 (Ön.Ver.
Unterstützungsarbeiten, 1985:351).
Die Rückkehr in die Türkei zeigte einen großen Anstieg
zwischen 1983-1984 im Zuge der Rückkehrförderung durch die BRD.
Die BRD hatte den arbeitslosen Arbeitsmigranten und den Gelegenheitsarbeitern
die Zahlung von 10.500,- DM und für jedes rückkehrende Kind
1.500,- DM angeboten. Außerdem wurden die Beitragsprämien für
die Sozialversicherung ausgezahlt, ohne die regelmäßige Wartezeit
von zwei Jahren. Die Förderung der Rückkehr hatte zu Folge,
dass über 100.000 türkische Arbeiter und eine unbekannte Zahl
von Familienangehörigen Deutschland verließen. In diesen Jahren
wurde 8.500 türkischen Arbeitern die Rückkehrprämie und
weiteren 93.000 ihre Rentenprämien ausgezahlt (Martin, 1991:46).
Im fünften fünfjährigen Entwicklungsplan wurden im Zusammenhang
dieser Entwicklungen die Maßnahmen für die Wiedereingliederung
der Jugendlichen, insbesondere der zweiten Generation, in die Türkei
und die Beseitigung von eventuellen Problemen beim Einstieg in das Erziehungssystem
behandelt. Außerdem wurde betont, dass die Gewährung der Sozialansprüche
der Arbeiter im Ausland und der Abschluss der Leistungen für deren
Anpassung an den aktuellen Stand ein wesentlicher Punkt ist (Dpt, Fünfter
fünfjähriger Entwicklungsplan, 1984:135).
In dieser Periode zwischen 1985-1989 summierte sich die Zahl der ausgesandten
Arbeiter auf 226.717, wovon die meisten nach Saudi Arabien, Libyen und
Irak gingen. In derselben Periode betrug die Zahl der nach Deutschland
ausgewanderten Arbeiter lediglich 203 (Ön.Ver. Jahresstatistik, 1992:69).
In sechsten fünfjährigen Entwicklungsplan standen weiterhin
die Kontinuität der Beziehungen türkischer Arbeiter im Ausland
zur Türkei und die Aktualisierung der Abkommen über Sozialsicherheit
mit den europäischen Ländern im Mittelpunkt (DPT, Sechster fünfjähriger
Entwicklungsplan, 1989:306-307).
Zwischen 1990-1991 betrug die Zahl der auf legalen Weg ausgesandten Arbeiter
100.727. Davon gingen lediglich 111 nach Deutschland, der größte
Teil der Arbeiter ging in die vorgenannten ölreichen Länder
(Ön.Ver. Jahresstatistik, 1992:69).
1992 wanderten 60.000 Personen, die durch eigene Möglichkeiten eine
Arbeit gefunden hatten, über das Arbeitsamt aus, wovon 77 % in Saudi
Arabien und 11,2 % in den GUS beschäftigt wurden.
Insbesondere mit den Ländern des Mittleren Ostens und den GUS dauern
die Probleme wegen fehlenden Abkommen für Sozialsicherheit weiterhin
an (DPT, Sechster fünfjähriger Entwicklungsplan, Unterstützungsstudien
für das Jahresprogramm 1994, 1993: 198-200).
Auch ist zu beobachten, dass unsere Staatsbürger im Ausland dazu
neigen, sich in dem Aufnahmeland niederzulassen. Der Wunsch, die Staatsbürgerschaft
des Aufenthaltslandes anzunehmen, um bessere Lebensmöglichkeiten
zu haben, wirtschaftliche, soziale und politische Rechte beanspruchen
zu können, ist angestiegen. Zum Beispiel wurde 1991 1.289, 1992 3.376
und 1993 bis Juli 7.866 türkischen Staatsbürgern der Austritt
aus der türkischen Staatsbürgerschaft gewährt, damit sie
die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen konnten. (dito, 1993:1999).
Ein anderes Indiz für die Neigung zur Niederlassung ist es, dass
immer mehr Arbeiter, die seit langer Zeit in westeuropäischen Ländern
leben, zum Arbeitgeber werden. Inzwischen sind über 500 Personen,
davon 35 in Deutschland, selbständig (DPT, Sechster fünfjähriger
Entwicklungsplan, 1993:1973).
Im siebten fünfjährigen Entwicklungsplan wird berichtet, dass
die Anträge der Arbeiter im Ausland für die doppelte Staatsbürgerschaft
zunehmen. Jedoch kann diesen Anträgen nicht sofort folgegeleistet
werden, weil einige Einwanderungsländer das Verlassen der Staatsbürgerschaft
des Auswanderungslandes zur Bedingung stellen und die Formalitäten
zum Austritt aus der türkischen Staatsbürgerschaft einige Zeit
in Anspruch nimmt. Die Konsequenz davon ist es, dass sich unsere Staatsbürger
im Ausland um ihr Vermögen und das Erbrecht Sorgen machen und dass
sie ihr Stimm- und Wahlrecht nicht beanspruchen können (DPT, Siebter
fünfjähriger Entwicklungsplan, 1995:45).
Nach den letzten Statistiken vom Ministerium für Arbeit und Sozialsicherheit,
Amt für Dienstleistungen für Auslandsarbeiter (Februar 1996)
leben 3.302.363 türkische Staatsbürger im Ausland. Davon 2.900.661
in westeuropäischen Ländern, 141.727 in mittelöstlichen
und nordafrikanischen Ländern und 259.875 in den übrigen Ländern.
Unter den westeuropäischen Ländern befindet sich die BRD mit
1.918.395 auf Platz eins.
Im achten fünfjährigen Entwicklungsplan tritt die eigene Existenzgründung
unserer Staatsbürger im Ausland in den Vordergrund. Es wird versucht
mit den beteiligten Ländern zur Lösung der Probleme hinsichtlich
der Auswanderung beizutragen. Hierzu wird mit offiziellen und privaten
Organisationen eine verbesserte Zusammenarbeit angestrebt (DPT, Achter
fünfjähriger Entwicklungsplan, 2000).
Überblick auf den heutigen Stand:
1. Zahlenangaben über unsere Staatsbürger im Ausland
| Land |
türk. Staatsbürger |
Arbeiter |
Arbeitslose |
Arbeitslosigkeit türk. Staatsbürger
(%) |
Arbeitslosigkeit allgemein (%) |
| A) Westeuropa |
|
|
|
|
|
| BRD |
1.998.534 |
713.775 |
159.823 |
20,7 |
8,0 |
| Frankreich |
325.887 |
87.992 |
25.105 |
17,2 |
9,0 |
| Holland * |
319.600 |
92.000 |
16.413 |
17,8 |
3,8 |
| Österreich |
134.243 |
54.277 |
9.320 |
14,7 |
7,95 |
| Belgien |
56.172 |
21.171 |
7.759 |
33,82 |
9,7 |
| Schweden |
36.062 |
5.700 |
1.200 |
20,2 |
4,3 |
| England |
80.000 |
30.000 |
3.000 |
11,0 |
5,2 |
| Dänemark |
33.383 |
14.936 |
3.726 |
20,2 |
5,0 |
| Italien |
5.284 |
2.780 |
73 |
|
9,0 |
| Finnland |
1.981 |
659 |
330 |
33,0 |
9,1 |
| Spanien |
1.289 |
|
|
|
|
| Luxemburg |
287 |
|
|
|
2,6 |
| Schweiz |
79.621 |
34.200 |
3.426 |
9,1 |
2,4 |
| Norwegen |
10.915 |
|
473 |
7,3 |
3,6 |
| Liechtenstein |
809 |
339 |
49 |
7,80 |
4,0 |
| SUMME |
3.084.067 |
1.057.829 |
230.697 |
|
|
Stand Juni 2002
Quelle: Republik Türkei, Ministerium für Arbeit und Sozialsicherheit,
Amt für Außenbeziehungen und Dienstleistungen für Auslandsarbeiter
und Außenministerium (KOYT)
Im Juni 2002 hielten sich ca. 3,5 Millionen türkische Staatsbürger
im Ausland auf. Davon waren rund 2 Millionen in Deutschland.
55.000 Staatsbürger sind Privatunternehmer in Mitgliedsstaaten der
EU. In Deutschland sind über 47.000 türkische Staatsbürger
Betriebsinhaber und Arbeitgeber für rund 200.000 Arbeitnehmer.
Über 20.000 türkischen Jugendliche studieren an deutschen Universitäten.
Die Aufenthaltsdauer der Türken in Deutschland:
62 % ? 10 Jahre und mehr
27 % ? 10 - 20 Jahre
35 % ? 20 Jahre und mehr
Altersverteilung der türkischen Bevölkerung in Deutschland:
39 % unter 21 Jahren
70 % unter 35 Jahre
Die meisten wurden in Deutschland geboren
Die türkische Bevölkerung, die mit dem Zweck nach Deutschland
ausgewandert ist, um eine bestimmte Zeit zu arbeiten, Geld zu sparen und
wieder in die Heimat zurückzukehren, wandelte sich zu einer jungen
und dynamischen Gesellschaftsgruppe, die sich dort niedergelassen hat
und ihre Zukunft in Deutschland sucht.
Bei den letzten Wahlen in Deutschland haben etwa 500.000 deutsche Staatsbürger
mit türkischer Abstammung gewählt, 3 von 22 Parlamentskandidaten
haben das Mandat erhalten. Bemerkenswert ist, dass zwei von diesen drei
Frauen sind.
SCHLUSS
Die Auswanderung von Arbeitern aus der Türkei weist Veränderungen
in Abhängigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung des Einwanderungslandes
auf. Dass die Einwanderungs- und Auswanderungsländer keine politischen
Entwicklungsziele zu diesem Thema erarbeitet haben, verursachte den Arbeitern
diverse Probleme. Die Maßnahmen zur Lösung dieser Probleme
konnten erst längere Zeit nach dem Entstehen der Probleme realisiert
werden.
Die Auswanderung weist in Abhängigkeit ihrer inneren Dynamik eine
schnelle Entwicklung und Wandlung auf, jedoch konnten die menschlichen
Probleme nicht so schnell gelöst werden.
Der achte fünfjährige Entwicklungsplan schlägt für
den Arbeitsmarkt (Bericht des Fachausschusses für im Ausland lebende
Türken, 2001) vor, dass z. B. Organisationen wie „das Büro
für soziale Fürsorge im Ausland“ mit der „Hochschule
für Soziale Fürsorge der Universität Hacettepe“,
die die einzige Lehreinrichtung für die Ausbildung in sozialer Fürsorge
in der Türkei ist“, enger zusammen arbeiten sollten.
Diese Konferenz entstand aus dieser Zusammenarbeit.
Quellenverzeichnis
EGE, Ünal
1982 Toplu Dönüslerin Türk ve F. Alman Ekonomilerine Etkisi.
Bursa: (Uludag Üniversitesi I.I.B.F. Ed. Ss. 51-60).
GÖKDERE, Ahmet
1978 Yabanci Ülkelere Isgücü Akimi ve Türk Ekonomisi
Üzerine Etkileri. Ankara: (T.Is Bankasi Kültür Yayinlari).
Republik Türkei, Ministerpräsidium, Staatliche Planungsorganisation
1963 Birinci Bes Yillik Kalkinma Plani. Ankara.
1967 Ikinci Bes Yillik Kalkinma Plani. Ankara
1973 Üçüncü Bes Yillik Kalkinma Plani. Ankara
1979 Dördüncü Bes Yillik Kalkinma Plani. Ankara
1983 “Besinci Bes Yillik Kalkinma Plani Çalisma Hayatinin
Düzenlenmesi.” Özel Ihtisas Komisyonu, Yurtdisi Isçi
Sorunlari Alt Komisyon Raporu. Ankara.
1984 Besinci Bes Yillik Kalkinma Plani. Ankara
1985 Besinci Bes Yillik Kalkinma Plani Destek Çalismalari. Ankara
1989 Altinci Bes Yillik Kalkinma Plani. Ankara
1993 Altinci Bes Yillik Kalkinma Plani 1994 Yili Programi Destek Çalismalari.
Ankara
1995 Yedinci Bes Yillik Kalkinma Plani
2000 Sekizinci Bes Yillik Kalkinma Plani
2001 Sekizinci BYKP Isgücü Piyasasi (Yurtdisinda Yasayan Türkler).
Republik Türkei, Ministerium für Arbeit und Soziale Sicherheit
1990 Almanya Federal Cumhuriyeti Sosyal Güvenlik Rehberi. Ankara:
(Yurtdisi Isçi Hizmetleri Genel Md.)
1991 Yurtdisinda Çalisan ve Yurda Dönen Vatandaslarimiza
Sunulan Hizmetler. Ankara: (Yurtdisi Isçi Hizmetleri Genel Md.
Rehber. Üçüncü Baski).
1993 Isçi Sagligi ve Is Güvenligi ile Ilgili Genel Bilgiler.
Ankara (Isçi Sagligi Dairesi).
1996 1992 Yili Raporu. Ankara: (Yurtdisi Isçi Hizmetleri Genel
Md.).
2002 Dis Iliskiler ve Yurtdisi Isçi Hizmetleri Genel Müdürlügü.
TUFAN, Beril
1987 Türkiye’de Dönen Ikinci Kusak Göçmen
Isçi Çocuklarinin Psiko-Sosyal Durumlari. Ankara: (T.C.
Devlet Planlama Teskilati Yayinlari Yayin No: 2051-SPB-405).
1990 “Benlik Saygisi Kavrami ve Yasam Boyunca Benlik Saygisinin
Gelisimi.” Hacettepe Üniversitesi Sosyal Hizmetler Yüksekokulu
Dergisi. 8 (1-2-3): 29-40.
TUFAN, B. und S. YILDIZ
1993 Geri Dönüs Sürecinde Ikinci Kusak. Ankara: (Hacettepe
Üniversitesi Yayinlari). B-36, ISBN 975-491-029-4).
|