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DIPL. PSYCH. MICHAEL WOLFART

Remigration: Ein altes und ein neues Phänomen

Vorbemerkung:
Die folgenden Ausführungen erheben keinen Anspruch auf eine auch nur annähernd vollständige Übersicht über die Realität türkischer Migration und Remigration nach und aus Deutschland. Die hier verarbeiteten Daten sind vielmehr – aufgrund der sehr dürftigen Forschungslage – zu einem großen Teil nur Momentaufnahmen ganz spezieller Migrationsprobleme, (wie z.B. das Problem jugendlicher Reakkulturation in Schule und Gesellschaft), und/oder sie entstammen dem Remigrations-Diskurs der 80-iger Jahre, wo dieses Thema wesentlich stärker im öffentlichen und wissenschaftlichen Bewußtsein präsent war.
Schließlich möchten wir noch darauf hinweisen, daß fast alle hier zitierten Untersuchungen, Meinungsbilder und Eindrücke aus der deutschen Perspektive stammen. Nur in ganz geringem Umfang sind uns nämlich Daten zugänglich gewesen. die das Phänomen Remigration aus der Perspektive des wieder-aufnehmenden Landes, der Türkei, diskutieren. Doch diese Tatsache scheint uns ein Grund mehr, die verschiedenen Erfahrungen aus den verschiedenen Blickwinkeln miteinander zu verknüpfen und damit für die Betroffenen bessere Möglichkeiten der Lebensplanung zu schaffen, wie es ja der Intention des hier vorbereiteten EU-Projekts entspricht.

1. Ein Blick in die deutsch-türkische Wirklichkeit nach 35 Jahren Migration.

• Nach nunmehr 35 Jahren türkischer Migration in die Bundesrepublik leben z.Zt. etwa zwei Millionen Staatsbürger türkischer Herkunft in Deutschland.
Waren zunächst nur erwachsene Einzelpersonen als Arbeitskräfte für das boomende deutsche „Wirtschaftswunder“ gekommen, so hat sich inzwischen das Phänomen des „Gastarbeiters“ auch in Deutschland längst verwandelt in den Zustand realer Migration, wie wir sie aus allen geschichtlichen Phasen und aus allen Ländern Europas eigentlich seit Jahrhunderten kennen. Allerdings besteht in Deutschland aufgrund seiner besonderen Geschichte diesbezüglich ein gespaltenes Bewußtsein: Wir haben zwar prozentual mehr Immigranten als jedes andere Land in Europa, aber viele in Deutschland wollen es immer noch nicht wahrhaben, daß wir dadurch de facto zum Einwanderungsland geworden sind. Erst in diesen Tagen ist erneut ein etwas moderneres Zuwanderungsgesetz an den Xeno-Phobien konservativer deutscher Politiker gescheitert.
• Über 7,2 Millionen Menschen aller Altersstufen und Bildungsstände, Familien und Einzelne, Gesunde und Kranke, Starke und Schwache, Kluge und Narren, Reiche und Arme usw., denen nur eines gemeinsam ist, nämlich, daß sie ausländischer Herkunft sind, leben unter uns. Über 80% davon schon mehr als 10 Jahre, 30% schon mehr als 20 Jahre.
• Betrachtet man die größte nationale Gruppe unter ihnen, nämlich die Türken, etwas näher, so kann man zwei zunächst widersprüchliche Diagnosen aufstellen:
Einerseits sind nach wie vor ethnisch homogene türkische Wohnviertel in den städtischen Ballungsräumen erkennbar. Ja , es ist sogar durch die immer größere Zahl türkischer Kleinunternehmen, Dienstleister und Geschäfte, sowie durch den Bau von Moscheen und Koranschulen ein stärkerer Eindruck von ethischer Segregation entstanden, als dies etwa in den 7o-iger und 80-iger Jahren der Fall war. Gleichzeitig weisen zahllose empirische Untersuchungen, wie sie etwa im letzten Familienbericht der Bundesregierung (BMFFJ, 2000) wiedergegeben sind, darauf hin, daß sich die türkischen Einwanderer in wesentlichen Parametern ihres sozialen Verhaltens der Mehrheitsgesellschaft angeglichen haben: In ihrer Altersstruktur, in ihrem Heirats- und ihrem generativen Verhalten, sowie in ihrem geschlechtsspezifischen und altersspezifischen Rollenverhalten sind sie – bei vergleichbaren Lebenslagen - den Deutschen wesentlich ähnlicher geworden, als dies im öffentlichen Stereotyp wahrgenommen wird.1) (s. BMFFJ 2000,a.a.O. S. 91 ff.)
• Seit dem Anwerbestop 1973 und in den drei Jahrzehnten danach ist die Migration zunehmend zur Familien-Migration geworden. Dabei hat sich der zeitliche Abstand in dem die Familienmitglieder einreisen kontinuierlich verringert. Migration ist also ebenso wie Remigration in aller Regel ein Familien-Projekt, das nicht in einer Generation abgeschlossen ist. Häufig fallen Migration und Familiengründung zusammen.
• Die zweite Generation der Zuwanderer ist deutlich anders akkulturiert, als die erste. Sie ist meist perfekt bilingual und kann sich auch in verschiedenen kulturellen Mustern flexibel bewegen. Die ihnen häufig nachgesagte Identitätsproblematik (Stichworte: „Täglich eine Reise von der Türkei nach Deutschland und zurück“, „zwischen allen Stühlen“.. usw.) erweist sich bei näherem Hinsehen nicht nur als Defizit, sondern auch als Ressource. Allerdings entstand hier eher eine neue türkisch-deutsche städtische Subkultur, die weder mit der deutschen noch mit der türkischen Herkunftskultur zu verwechseln ist. Erst die dritte Generation scheint sich aus verschiedenen Gründen wieder stärker auf die kulturellen Wurzeln der Großeltern (die ja nicht die „eigenen“ sind), zu besinnen: Die Heiratspartner stammen wieder häufiger aus dem Herkunftsland, es wird wieder mehr an Rückkehr und sozialen Aufstieg im Herkunftsland gedacht, es findet eine Art religiöser Renaissance statt, usw.

2. Migration und Remigration sind nicht voneinander zu trennen.
2.1 Zahlen:
Von den Menschen türkischer Herkunft haben von Ende 1964 bis Ende 1995 insgesamt 2.143.570 Deutschland wieder verlassen, d.h. etwas mehr als die gesamte türkische Wohnbevölkerung im Jahre 1995. ( Enquete-Kommission: Demographischer Wandel, Dt. Bundestag, 1999).
Betrachtet man die Zuzüge und Fortzüge aller Ausländer in Europa, so hat Deutschland die größte Fluktuationsrate. Während diese Rate in Deutschland bei 15- 20% pro Jahr liegt, beträgt sie in Belgien ca. 8%, in Schweden 8-10% in den Niederlanden 11-12% und in der Schweiz 12-13%. In Großbritannien und Frankreich lag sie 1981 und 1982 mit 4,3 und 4,7% noch wesentlich niedriger. (BMFFJ 2000,a.a.O., S. 123).
Derzeit kehren nach deutschen Statistiken jährlich etwa 40.000 – 45.000 Personen in die Türkei zurück. Die Rückkehr-Quote hat sich bei 2,3% stabilisiert.
Allerdings geben diese Zahlen keinen genauen Aufschluß über die Quote der zunehmenden Pendel-migration, die sich bei der türkischen Population hauptsächlich im Bereich der Kinder und Jugendlichen abspielt, da für die Erwachsenen ja noch keine Freizügigkeit besteht. Erwachsene behalten oft ihre deutsche Wohnadresse und melden sich nicht ab, auch wenn sie sich längere Zeit in der Türkei aufhalten, eben um ihre mühsam erworbenen Aufenthaltsrechte nicht zu verlieren.
2.2 Das Thema Remigration in der deutschen (und türkischen) Öffentlichkeit
Bei Durchsicht der einschlägigen Literatur fällt auf, daß das Thema in Deutschland etwa von 1983 bis 1990 offenbar Konjunktur hatte. Dies hatte ganz offensichtlich mit den von der Bundesregierung aufgelegten Programmen zur Rückkehrförderung zu Beginn der 80-iger Jahre zu tun. In vielen pädagogischen und sozialarbeiterischen Fachzeitschriften werden die Anpassungsprobleme türkischer Kinder und Jugendlicher in türkischen Schulen geschildert und besonderes Augenmerk gilt den türkischen Frauen, die ihre in Deutschland erworbenen größeren Freiheiten unter der strengen traditionalistischen Kontrolle ihrer Familien und Nachbarn im Herkunftsland wieder aufgeben müssen. Alle diese Veröffentlichungen basieren auf mehr oder weniger stichprobenartigen Befragungen und Interviews, die in der Türkei durchgeführt wurden.2)
2.3. Tendenzen:
Seit Beginn der 90-iger Jahre versiegt jedoch der Strom des besorgten Interesses und man findet kaum noch einschlägige Publikationen.
Über die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Männer oder der älteren Remigranten ist in dieser Literatur kaum etwas zu finden. Es ist allerdings davon auszugehen, daß in entsprechenden Fachorganen der Arbeitsämter, die mir nur schwer zugänglich waren (vielfach vergriffen) hierzu mehr zu finden ist.
Um die derzeitige Situation deutlich zu machen, zitiere ich im Folgenden einen kurzen Abschnitt aus der abgeschlossenen Kurzzeit-Studie des „Zentrums für Türkei-Forschung Essen“ (Enquete-Kommission Demographischer Wandel, 1999,)
„Für die absehbare Zukunft ist nicht mehr mit massenhaften Rückkehrwellen zu rechnen. Rückkehrabsichten verfolgen nur noch wenige Türken, da die Remigration aus vielerlei Gründen als problematisch angesehen wird. So stehen heute eher die Eingliederung und Integration der Türkinnen und Türken in Deutschland im Vordergrund als Fragen der Reintegration. Die Frage, unter welchen Umständen die ehemaligen Rückkehrerinnen und Rückkehrer in der Türkei leben, ob sie mit den dortigen Lebensbedingungen zurechtkommen, findet leider nur wenig Aufmerksamkeit in der aktuellen Politik der Türkei und der Bundesrepublik. Für die Bundesrepublik ist dieses Thema nicht mehr relevant, da die ehemaligen türkischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht mehr im Land leben. Die Türkei hingegen hat andere vorrangig zu lösende Probleme. Somit sind die Remigrantinnen und Remigranten auf sich selbst gestellt.
Der türkische Staat sieht sich bei Fragen der Rückkehrerinnen und Rückkehrer nicht mehr als alleiniger Verantwortlicher. Die offizielle Politik geht inzwischen von einem Verbleib türkischer Migrantinnen und Migranten in Deutschland aus. Da die Rückkehrerinnen und Rückkehrer keine große Gruppe bilden, werden auch keine besonderen Anstrengungen bezüglich deren Reintegration unternommen. Es gibt keine besonderen Maßnahmen oder Einrichtungen, die remigratiosspezifische Dienstleistungen anbieten. Zudem sind die Kompetenzen auf zahlreiche verschiedene Institutionen verteilt, die nicht miteinander kooperieren. Die für die Erstellung dieses Gutachtens geführten Gespräche mit den Vertreterinnen und Vertreter offizieller Einrichtungen zeigten, daß diesen Institutionen kaum qualitative und quantitative Informationen über die spezifischen Probleme der Remigrantinnen und Remigranten vorliegen. Statistische Datenerfassung und -sammlung gibt es bei keiner dieser Institutionen .”

Wir können und wollen uns hier kein Urteil darüber erlauben, inwieweit die Aussagen dieses Gutachtens für die Situation in der Türkei generell zutrifft. Sie bestätigt jedoch indirekt den Auftrag, den uns das hier vorliegende Projekt im Hinblick auf Vernetzung und Öffnung der jeweiligen Datenlage aufgibt.
Denn die Remigration ist ja – auch wenn z.Zt. keine massenhaften Rückkehrwellen zu erwarten sind, keineswegs verschwunden. Im Gegenteil: Im Rahmen der Globalisierung scheint Remigration und Pendelmigration an Bedeutung zu gewinnen, wenn z.B. unter dem Stichwort „brainreturn“ die Remigration der besser ausgebildeten Fachkräfte aus Schwellenländern und Entwicklungsländern diskutiert wird. (BMFFJ 2000, S. 124)

3. Verschiedene Typen, Bedingungen und Motive von Remigration,

Das Phänomen der Remigration ist nur scheinbar als einheitliches Geschehen beschreibbar. In Wahrheit unterscheiden sich Rückwanderer, in ihren Motiven, ihren Strategien und Erfolgen bzw. Mißerfolgen so erheblich, daß Einzelfallstudien manchmal sinnvoller und informativer erscheinen als große Überblicks-Studien.
Auch scheinbar äußerlich vergleichbare Gruppen von Remigranten, die aufgrund von äußeren Bedingungen, wie z.B. Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit, Inflation, politische oder ethnische Diskriminierung usw. den Rückweg antreten, befinden sich jeweils in höchst unterschiedlichen Phasen ihrer familiären Biographie. Je nachdem, ob, wie lange und wie erfolgreich die Kinder schon die deutsche Schule besuchten, gewinnt die Entscheidung zur Rückkehr im familiären Kontext eine ganz andere Bedeutung. Je nachdem, ob Heirat erst bevorsteht, oder schon langjährige Partnerschaft besteht, ob Trennung oder Scheidung anstehen, oder Verlust des Partners durch Tod, wird die Rückwanderung andere Perspektiven, andere Ängste und andere Ressourcen eröffnen.
Dennoch hat man immer wieder versucht, die großen Wanderungsbewegungen zu typisieren.
So hat z .B. CERASE (1974) die Rückkehr nach Aufenthaltsdauer und Motivation klassifiziert: Demnach kehren in den ersten 5 Jahren diejenigen zurück, deren Migrationsprojekt gescheitert ist. Zu den Rückkehrern nach 5-10 Jahren gehören diejenigen, die sich zwar im Arbeitsmarkt integriert, aber kaum akkulturiert haben. Nach 10-20 Jahren kehren relativ erfolgreiche und kulturell aufgeschlossene Migranten in ihre Herkunftsländer zurück, um sich mit angespartem Kapital und neuen Ideen eine Existenz aufzubauen. Nach mehr als 20 Jahren kehren vor allem pensionierte Migranten ins Herkunftsland zurück. Dieses Schema, das an den italienischen USA-Immigranten gewonnen wurde, läßt sich z.T. auch auf die Migranten in Deutschland übertragen.
Aber auch hier gilt die schon mehrfach zitierte Grundregel, daß Migrationsentscheidungen in der Regel Familienentscheidungen sind, die in direktem oder indirektem Kontakt auch mit den im Heimatland verbliebenen Mitgliedern der Familie gefällt werden:
„Familien ermöglichen Migration durch ihre Ressourcen und erwarten Gegenleistungen. Mit der Rückkehr soll das Migrationsprojekt abgeschlossen werden. Demnach hat Migration einen zeitlich begrenzten Auftragscharakter der Familie“ (BMFFJ 2000,a.a.O., S. 124).
In ähnlicher Weise begründet z.B. WOLBERT, B. (1989) den hohen Stellenwert, den türkische Remigranten-Familien dem Schulerfolg ihrer Kinder im Herkunftsland beimessen. Die Rückkehrer, die in vieler Hinsicht das wirtschaftliche Ziel ihrer Migration nur teilweise erreicht haben, können ihr Migrations-Projekt vor der Familie rehabilitieren mit dem Schulerfolg ihrer Kinder. Wenn diese es mit Hilfe von teuren Nachhilfe-Kursen und viel Fleiß schaffen, in eine Bildungsschicht aufzusteigen, die weder den Eltern vor der Migration, noch den Kindern in Deutschland erreichbar gewesen wäre, dann kann dieser Schulerfolg als ein „Sinnstifter der Migration“ und die Rückkehr als sinnvolles Opfer für die Familie gewertet werden, auch dann wenn der Schulerfolg keinesfalls eine Anstellung und wirtschaftlichen Erfolg garantiert.

Vielfach wird darauf hingewiesen, daß für die Remigration, anders als bei der Immigration, ökonomische Gründe eine eher untergeordnete Bedeutung haben. In einer persönlichen Risikoabwägung werden die positiven und negativen Faktoren der Rückkehr
bilanziert. Dabei heben verschiedene Autoren allerdings immer wieder die ins positiv-nostalgische verzerrte Wahrnehmung des Herkunftslandes und die negative Bewertung des gegenwärtigen Zustandes mit seinen Schwierigkeiten hervor (z.B. FIRAT, I: (1991) und GRIES, MARIE-LUISE: (2001))
Der in den bisherigen Dekaden der Migration sehr wichtige Devisen-Transfer ins Herkunftsland hat nach der BMA Untersuchung (MEHRLÄNDER u.a. (1996) stark abgenommen. Immer noch senden jedoch ca. 35 % der befragten türkischen Staatsangehörigen überdurchschnittlich viel Geld ins Heimatland. Die zurückfließenden Devisen der Migranten stellen für die Herkunftsländer nach wie vor eine bedeutende Position in ihrem Staatshaushalt dar. Insofern kann man auch davon ausgehen, daß die meisten Herkunftsländer eher ein Interesse an der Aufrechterhaltung möglichst lange andauernder Rückkehrabsichten, als an tatsächlicher Rückkehr. bzw. an tatsächlicher Integration im Aufnahmeland haben.3) Als informativer Indikator für Rückkehrabsichten gilt das Sparverhalten: Familien, die sich endgültig im Aufnahmeland niederlassen, sparen weniger. Stellt man fest, daß sich z.B. bei den türkischen Arbeitnehmern zwischen 1981 und 1996 der Anteil der Sparenden von 36% auf 63% erhöht hat, so kann man daraus indirekt auf eine nach wie vor starke Rückkehrbereitschaft schließen. (MEHRLÄNDER u.a., a.a.O.)
Motive der Rückkehr können positiver, wie negativer Art sein:
Anpassungsprobleme, Arbeitslosigkeit, Heimweh, Diskriminierung können zur überstürzten oder endlich vollzogenen Remigrationen ebenso führen, wie besonders erfolgreiche Ansammlung von wirtschaftlichem und/oder Humankapital (Bildung, Ausbildung). Insgesamt scheint jedoch eine größere Anzahl von Remigranten sich eher aus den Erfolgreichen, als aus den Gescheiterten zu rekrutieren. Diese in den USA gewonnenen Erkenntnisse (SAENZ u.a. 1992; SHUMWAY u.a. 1996) werden vom 6. Familienbericht der Bundesregierung als Tendenz auch in der deutsch-türkischen Migrations-Szene bestätigt. (BMFFJ 2000 a.a.O. S. 127)
Was wir hier im Moment noch gar nicht diskutiert haben und wohl aufgrund der schwierigen Datenlage auch nicht diskutieren können, sind die Remigranten, die aufgrund abgelehnter Asylanträge zur Rückkehr gezwungen werden, ebenso, wie diejenigen, die wegen Straffälligkeit, wegen chronischer psychiatrischer Behandlungsbedürftigkeit oder wegen Nichterfüllung bestimmter Auflagen des deutschen Ausländergesetzes (Nachzugsalter etc.) ins Heimatland abgeschoben werden.
Man darf aber wohl davon ausgehen, daß diese unfreiwillig remigierte Gruppe mehr als alle anderen vor größte Reintegrationsprobleme gestellt ist und daß es besonderer Ansätze von Hilfe bedürfte, um ihnen das unfreiwillige Leben im Herkunftsland erträglich zu machen.

4. Dimensionen der erlebten Rückkehr-Probleme und unterschiedliche Strategien der individuellen Bewältigung
4.1 Akkulturationsprobleme türkischer Frauen:
Zwei Untersuchungen, aus einer großen Zahl, die sich mit der Problematik rückkehrender türkischer Frauen befassen, sollen exemplarisch zitiert werden.
STEINHILBER (1993) hat 15 Frauen der ersten und 5 Frauen der zweiten Generation (alle in der BRD berufsausgebildet und erwerbstätig) nach einem mindestens 2-jährigen Aufenthalt in der Türkei interviewt.
Nachdem eingangs festgestellt wird, daß das klassische Bild der autoritär-patriarchalischen türkischen Familie so nicht mehr zutrifft, sondern in der Emigration durch die gestiegenen Kompetenzen der Frauen und der Kinder aufgeweicht wurde, wird der erworbene Zuwachs der Frauen an Macht-und Handlungskompetenz verglichen mit ihren Aussagen nach der Remigration. Durchgehend stellen die Frauen fest, daß sie sowohl öknomisch, wie auch sozial nicht mehr so viel Wahlmöglichkeiten haben, wie vor der Remigration. Nachbarschaft und Familie unterwerfen sie einer besonders aufmerksamen sozialen Kontrolle, die auch gespeist ist vom Verdacht, die Remigrantin könne in Deutschland zu einer „ehrlosen und deutsch-verdorbenen“ Frau geworden sein. Gleichzeitig zeigt die Autorin anhand der Interview-Aussagen, daß die Frauen mit dieser Herausforderung , je nach individuellen Ressourcen, Familienstruktur und Persönlichkeit sehr unterschiedlich umzugehen wissen. Keine der Frauen erreicht allerdings durch ihre aus Deutschland mitgebrachte Ausbildung einen Aufstieg in die Mittelschicht, außer über den Umweg des Schulerfolgs der Kinder.
Die Kämpfe und Auseinandersetzungen mit Vätern, Müttern, Nachbarn usw. werden als. demütigend erlebt, weil sie die teilweise sehr selbstbewußten Frauen wieder in die Rolle der zu Beschützenden zurückwerfen und ihre mitgebrachten Qualifikationen nicht würdigen, sondern eher als Anmaßung werten. Dennoch sind die Aussagen insgesamt nicht pessimistisch, sondern die meisten der Frauen nehmen die Herausforderung an und versuchen sie positiv zu bewältigen.
JESS (1989) faßt die Ergebnisse ihrer Diplomarbeit, für die sie 11 Frauen aus der Mittelschicht interviewt hatte folgendermaßen zusammen:
Anhand von drei sehr unterschiedlichen jungen Frauen, von denen eine die Rückkehr-Entscheidung gemeinsam mit der Familie getroffen hat, eine gegen ihren Willen und mit falschen Versprechungen in die Türkei gelockt wurde und eine den Entschluß zur Remigration allein und aus freien Stücken getroffen hat, zeigt die Autorin die völlig unterschiedlichen Verläufe der Reintegration auf. Es wird deutlich, daß Migrationsalter und vorherige Aufenthaltsdauer im Aufnahmeland nur zwei Faktoren in einem komplexen System äußerer und innerer Bedingungen sind. Aber ähnlich, wie schon beim Thema der ersten Migration, bestehen wesentlich günstigere Voraussetzungen für ein Gelingen der Integration, wenn die Entscheidung nicht erzwungen, sondern gemeinsam, oder in eigener Autonomie gefällt wurde. Darüber hinaus zeigt auch diese Studie allgemeine Tendenzen, die durchgängig beobachtbar sind: Frauen sind in aller Regel nach dem Aufenthalt im Ausland selbstbewußter; die Hochzeit, bzw. Verheiratung verliert durch die eigene Berufstätigkeit ihren zentralen Stellenwert, bzw. das Heiratsalter steigt an. Bei allen Frauen, unabhängig wie lange und unter welchen Bedingungen sie emigriert waren bleibt der Wunsch nach einem partnerschaftlichen Verhältnis in der Ehe bestehen.

4.2. Akkulturationsprobleme türkischer Kinder und Jugendlicher in der Schule:

Die schwerwiegenden Probleme türkischer Kinder und Jugendlicher auf dem Wege zu schulischer Integration und Schulerfolg in der Remigration sind ein Thema, das in den 80-iger Jahren vielfältiger Form untersucht wurde. Exemplarisch sollen hier einige Studien näher beleuchtet werden.
WOLBERT, B,.(1989) vergleicht die hohe Bildungsaspiration türkischer Migranten-familien mit einer Art Kapitalanlage, wie sie sich früher in goldenen Armreifen und Schmuck manifestiert hat. Türkische Familien „investieren“ in den Schulerfolg ihrer Kinder, indem sie sie aus der sonst übliche Rolle in der Familie frei stellen: Sie müssen nicht - wie in Deutschland und früher in der Türkei- den Eltern helfen, sie müssen keine Gäste bedienen, nicht die jüngeren Geschwister versorgen, sondern sollen lernen, lernen, lernen.
Die Kinder, die aus der relativ laxen und liberalen Lerndisziplin deutscher Schulen kommen, erleben in der Türkei nicht nur ein völlig anderes Schulsystem. Sie müssen sich auch einer völlig anderen Disziplinierung, einem anderen Lernstil und einem wesentlich höheren, formal definierten Leistungsstandard stellen. Für viele ist dies ein schockartiges Erlebnis und nicht wenige kapitulieren.
„Die schier unlösbaren Schulprobleme der Rückkehrerkinder, ihre Anpassungsprobleme, der Druck der Erwartungen und die Angst vor Disziplinierungsmaßnahmen...das ist unbestritten die harte Kehrseite der Schulambitionen der Rückkehrerfamilien. Die verlockende Seite ist die Chance eines Aufstiegs.“ (WOLBERT a.a.O. S.41)
Die Autorin nennt drei typische Verarbeitungs-Strategien der Rückkehrer-Familien für diese Situation: Als „Abwehrzauber“ sieht sie die Möglichkeit, durch einen Sohn oder eine Tochter, die Anwältin, Ingenieur oder Arzt geworden sind, dem Stigma der Kulturlosigkeit (kültürsiz) des Almanyali zu entgehen. Als „Hintertür“ erkennt sie die Hoffnung vieler Schüler und Studenten, mit einem guten Schul-Abschluß doch noch nach Deutschland zum Studieren zurückkehren zu können. Und als „Wiedergutmachung“ identifiziert sie das große Engagement der Familien für ihre Kinder. So nämlich können sie dem Vorwurf entgehen, nur wegen eines Doppelverdienstes in Deutschland ihre Kinder vernachlässigt zu haben.4)
GRANOTO; M. (1989) sieht in ihrer Studie zur Remigration türkischer Jugendlicher ebenfalls mit aller Schärfe die Probleme der Jugendlichen mit der rigiden türkischen Schul- Disziplin. Eine Erleichterung, diesen Kultur-Schock zu verarbeiten, erkennt sie dort, wo die Schüler die Möglichkeit haben, dies in Gruppen mit ähnlichem Erfahrungshintergrund zu tun, also dem Druck nicht isoliert ausgesetzt sind.
Die türkische Schulverwaltung scheint aber gegenüber solchen Lösungen bisher ambivalent zu reagieren. Schuldirektoren befürchten eine Ansteckungsgefahr für die türkischen Kinder. Und sie stellen verwundert fest, daß die deutschen Kardinaltugenden (Fleiß, Pünktlichkeit, Ordnung, Disziplin), die sie bisher so sehr bewunderten, gerade ins Gegenteil verkehrt seien bei den in Deutschland sozialisierten Kindern.

Hier scheint u.E. ein Grundproblem gegenseitigen kulturellen Mißverstehens vorzuliegen:
Zum einen ist wird nicht gesehen, daß die vielfach gerühmte Arbeitsmotivation und Effektivität der Deutschen als Industrienation selbst in einem deutlichen Wandel begriffen ist.(vgl. z.B. SENNETT, R.,1998) Zum zweiten ist sie sicher kein durchgängiges Merkmal aller gesellschaftlichen Schichten, sondern eignet heute mehr denjenigen Personen, die die Arbeitsmigranten als Chefs und Meister kennengelernt haben. Zum dritten wird fälschlich vermutet, daß man diese Tugenden auf dem Wege des Drills und der Fremdbestimmung erreichen könne, während sich längst herausgestellt hat, daß durch Flexibilität, Selbststimulation und durch Erfahrung von Selbstwirksamkeit viel eher der Typ von Leistungsmotivation herangebildet werden kann, der für die postindustrielle Informationsgesellschaft (nicht aber vielleicht für die Übergangsgesellschaft der Türkei) funktional ist. (SENNETT; a.a.O.)
Umgekehrt ist festzustellen, daß das deutsche Schulsystem selbst in einem äußerst desolaten Zustand ist und daß gerade derjenige Schultyp, in dem sich die meisten türkischen Kinder in Deutschland leider immer noch befinden, nämlich die Hauptschule, zu einer schlecht verwalteten Restkategorie von Schule geworden ist, in der Disziplinlosigkeit und Hoffnungslosigkeit von Lehrern und Schülern an der Tagesordnung sind.
Türkische Schüler, die aus diesen Schulen in die Türkei kommen, wollen aber dort in aller Regel in einer der Eliteschulen (Anadolu lisesi) aufgenommen werden und den Aufstieg ins Studium schaffen, was ihnen auch und gerade in Deutschland sicher verwehrt wäre. Das Gemisch von tatsächlich minderwertiger Vorbildung und illusionären Berufswünschen erfahren die Remigranten-Kinder beim Kontakt mit der harten türkischen Realität am eigenen Leibe als regelrechten Schock.5)
Zum Abschluß dieses Kapitels, in dem vorwiegend die Probleme von rückwandernden Frauen, Kindern und Jugendlichen diskutiert wurden, sei noch einmal darauf hingewiesen, daß die Forschungsberichte zu diesen Thema auf deutscher Seite sicher nicht dem neuesten Stand entsprechen. Außerdem konnten wir kaum etwas beisteuern zu der Frage, ob Remigration in dörfliche und kleinstädtische Regionen wesentlich verschiedene Probleme aufwirft im Vergleich zur Remigration in städtische Ballungsgebiete.
Wenn auch immer wieder betont wird, daß der Großteil der Remigranten eher in die städtischen und industriell entwickelten Gebiete wandert, so ist doch auch unbestritten, daß ein nicht unerheblicher Teil Wohnungen und Häuser im ehemaligen Heimatdorf erworben hat und dorthin zurückkehrt. (vgl. z.B. den sehr informativen Bericht den Frau Dr. Kücükkaraca bei unserer Tagung in Ankara vorgestellt hat)
5. Welche Hilfen für Rückwanderer-Familien existieren bis jetzt und wie werden sie von den Betroffenen wahrgenommen ?

In fast allen uns vorliegenden Berichten wird hervorgehoben daß die Rückwanderer in ihren positiven Erwartungen an die Herkunftsgesellschaft enttäuscht werden.
Diese Enttäuschung kann aus Gründen der geschilderten schulischen Probleme, aus nicht geglückten wirtschaftlichen Hoffnungen, der Anpassung an einen niedrigeren Lebensstandard oder aus Problemen der Readaptation von Frauen an ein traditionalistisches soziokulturelles Milieu und aus weiteren hier nicht diskutierten Bedingungen herrühren.
Demgegenüber sollte hervorgehoben werden, daß auch die Reintegration ins Herkunftsland – ähnlich wie die Integration ins primäre Immigrationsland – „ein Prozeß sein kann, der von längerer Dauer ist. Genaue Informationen über die Zustände im Herkunftsland, dortige soziale Netzwerke und berufliche wie sprachliche Kompetenzen sind für den Erfolg des Remigrationsprojekts von großer Bedeutung.“ (zit. n. BMFFJ, 2000, a.a.O. S. 125)

Wie sieht es nun mit diesen Netzwerken, Hilfsorganisationen, staatlichen oder privaten Beratungsdiensten in der Praxis aus ?

Existieren sie? Werden sie genutzt ? Sind sie effektiv ?

Was die deutsche Seite betrifft, so kann man rein formal auf eine ganze Reihe von Beratungsangeboten der Arbeitsämter und des BMA (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) hinweisen. Seit 1983 besteht ein gesetzlicher Anspruch auf Beratung. Diese allgemeine Rückkehrberatung erfolgte bis Mitte 1997 vor allem durch die Bundesanstalt für Arbeit und die Sozialberatung der Freien Träger der Wohlfahrtspflege. 1997 wurde damit begonnen, die Rückkehrberatung zu einer aktiven Mobilitätsberatung weiter zu entwickeln, in deren Zentrum 6 Arbeitsämter schwerpunktmäßig tätig sind mit regionalen Netzwerken. Die Berater werden regelmäßig zu Fragen der Rückkehr geschult.
Ergänzend und flankierend zu diesem Beratungsnetzwerk erstellt das isoplan-Institut seit 1997 Informationsmedien unter dem Titel „Mobilität und Integration“ (M und I) Hierzu gehören eine Datenbank zur Mobilitätsberatung, die regelmäßig aktualisiert wird, sowie mehrsprachige Informationsbroschüren. Die Datenbank ist abrufbar unter www.isoplan.de/mi.
Derzeit fördert das BMA außerdem folgende Projekte:
• Qualifizierung im Bereich CNC-Technik in Polatli/Türkei
• Reintegrationsmaßnahmen (Ausbildung zum Kfz-Meister) in Kocaeli/Türkei
• Reintegrationsmaßnahmen im Gesundheitsbereich in Ankara und Ausbildung in der Altenpflege und zu medizinisch technischen Assistenten
• Seit 1988 wird in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft die KMI (Koordinierungsstelle) für rückkehrinteressierte Türk/Innen zur Gründung eigener Existenzen gefördert.
• Sämtliche Adressen der hier genannten Beratungsstellen können über isoplan angerufen werden.
Ob, in welcher Häufigkeit und mit welchem Effekt sie allerdings wahrgenommen werden und wie brauchbar die dort vorliegenden Informationen sind, kann ich derzeit nicht beantworten. Eine hohe Effektivität darf nach dem, was unmittelbar folgend berichtet wird, bezweifelt werden. Auch dies genauer beantworten zu können dürfte ein wichtiges Ziel des hier in Frage stehenden Projektes sein.

Wir möchten nun anhand eines sehr aktuellen Beispiels, das in der Zeitschrift „Ausländer in Deutschland“ (GRIES, M-L. 2001) veröffentlicht wurde aufzeigen, wie und ob die oben gestellten Fragen nach Informationsquellen für Rückwanderer befriedigend beantwortet werden.
(Die folgenden Ausführungen sind z.T. eng an den Text der Publikation angelehnt, jedoch nicht wörtlich zitiert)

Adem G., ein ehemaliger „Gastarbeiter“ hat Ende 2000 mit etwa 30 türkischen Migranten in Istanbul, Ankara, Antalya) intensive Einzel-und Gruppengespräche geführt. Die kleine Stichprobe der Remigranten setzte sich aus allen Altersklassen und allen Schichten zusammen. Die Gespräche zeigten nach seiner Einschätzung vor allem eines:
• Der Neubeginn war bei fast allen schwieriger, als sie es vorausgesehen hatten. In allen Gesprächen klang eine gewisse Bitterkeit darüber an, daß weder der deutsche, noch der türkische Staat Rückkehrern bei der Bewältigung der vielen, unerwarteten Schwierigkeiten helfe.
• Dies gilt für die Beratung in Rentenfragen ebenso wie für die Beratung in Schul-und Wohnungsfragen. Die von manchen vermutete Trumpfkarte „deutsche Sprachkenntnisse“, die sie in der Türkei als Dolmetscher, Übersetzer etc. nutzen wollten, erweist sich bei näherem Hinsehen als gar nicht so brauchbar. Die Handelssprache ist Englisch. Deshalb kämpft eine Vielzahl deutsch-türkischer Übersetzer um Marktnischen.
• Die hohe Akademiker-Arbeitslosigkeit in der Türkei wird vielfach übersehen. Dem hohen sozialen Prestige dieser Berufe bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit stehen relativ gute Berufsaussichten für Qualifizierte auf Facharbeiter-Niveau gegenüber, deren Verdienstmöglichkeiten oft besser sind, als die eines Hochschuldozenten. Diese Möglichkeiten werden aber vielfach nicht gesehen. (vgl. Fußnote 4)
• Aus Deutschland mitgebrachte Berufe, wie z.B. den einer Hauswirtschafterin mit Berufserfahrung oder einer medizinisch technischen Assistentin gibt es wohl in der Türkei in dieser Form nicht. Dies hatte den Betreffenden keiner gesagt.
• Die harten Konkurrenzbedingungen für Berufe, die sich die Rückwanderer anhand von Ferienbesuchen erträumt hatten, werden vielfach unterschätzt. „Endlich mein eigener Chef sein, einen Laden aufmachen, eine Schneiderei, ein Café oder Restaurant...“, davon träumen viele. Niemand hat ihnen gesagt, welche Fachkenntnisse man dafür braucht, wie gut man sich auf dem fremden Markt auskennen muß, wie hoch die Kosten sind und wie schnell die Ersparnisse dahin schmelzen.
• Daß man als Rückwanderer in der Türkei nicht unbedingt mit offenen Armen aufgenommen wird, hat sich zwar langsam herumgesprochen. Dennoch sind viele immer noch überrascht von der „Häme“ bzw. dem Neid der lieben Landsleute. „warum sind die denn nicht in Deutschland geblieben, wenn sie es hier nicht schaffen?“ „Die hatten es doch dort viel leichter als wir“ usw... Vielfach werden die Neuankömmlinge beim alltäglichen Einkauf, noch mehr beim Kauf eines Grundstücks oder Hauses von dem „guten Bekannten“ eines lieben Verwandten betrogen. Die „Deutschländer“ sind ja auch für die Einheimischen leicht an ihrer Sprache erkennbar, die sich deutlich von der inzwischen weiter entwickelten Umgangssprache unterscheidet.
• Trotz all dieser Probleme wünscht die Mehrzahl der Befragten nicht nach Deutschland zurückzukehren. Viele von ihnen haben sich trotz der berichteten Schwierigkeiten einen Platz in der türkischen Gesellschaft erkämpft, haben die anfänglichen Schwierigkeiten überwunden und genießen z.T. deutlich ihre neue Situation. Dazu trägt wohl nicht zuletzt die Tatsache bei, daß viele von ihnen sich in einem Rückwanderer-Verein zusammen geschlossen haben (wie z.B. der „ADA“ in Antalya)

Die Möglichkeit, sich mit Menschen gleichen Schicksals zu verbünden, scheint- wie schon bei der ersten Migration - eine ganz wesentliche Voraussetzung für das Wieder-Erlernen des verlorenen Alltagswissens zu sein. Gegen diese Lösung sprach bei vielen Migranten offenbar zunächst die Vorstellung, in der eigentlichen Heimat einfach „schwimmen zu könne, wie der Fisch im Wasser“, also nicht schon wieder segregiert, hilfsbedürftig, abgestempelt zu sein, als Sozialfall, wie sie das aus leidvollen Jahren in der Emigration kannten.
Erst langsam scheint sich die Einsicht durchzusetzen, daß auch die Remigration kein von selbst laufender Prozeß ist, sondern der Steuerung, Beratung und Unterstützung durch andere bedarf.
Die Autorin des Artikels stellt daher abschließend fest, daß es gelte „das Thema bei Migranten offen anzusprechen. Gerade auch basisnahe Multiplikatoren und Vertreter von Migranten-Initiativen in Deutschland sind hier gefragt. Nicht weniger wichtig ist Öffentlichkeitsarbeit für bestehende Beratungsangebote, insbesondere durch die „Mobilitätsberater für Ausländer“ bei den Arbeitsämtern.“ (GRIES a.a.O. S.8)
(s. Adressen im Anhang)
Sachkundiges Abwägen der Chancen und Risiken eines künftigen Lebens im Herkunftsland gegenüber denen in Deutschland sei sowohl notwendig für einen gut vorbereiteten Wechsel, wie auch einen Verbleib, bei dem dann Integrationsangebote mit neuer Motivation angenommen werden könnten.


Zusammenfassung:
• Remigration türkischer Migranten ins Heimatland findet- trotz geringem öffentlichem und wissenschaftlichem Interesse – nach wie vor in zahlenmäßig großem Umfang statt. (jährlich ca. 40.000 –45.000 Personen.
• Genaue Daten über Umfang, demographische Zusammensetzung, Verbleib und Integrationserfolg erxistieren weder bei deutschenStellen noch bei trürkischen. Die entsprechende Forschungslage ist äußerst unbefriedigend und die Publikationen zum großen Teil veraltet.
• Die vorhandenen Berichte aus deutscher Forschung beziehen sich vielfach auf die Reintegrationsprobleme im soziokulturellen Bereich von Schule und Familie. Hier wird von gravierenden Anpassungsproblemen der Kinder und Jugendlichen und der Frauen berichtet. Gleichzeitig wird betont, daß der jeweilige Erfolg sehr deutlich von persönlichen, biographischen Ressourcen und konkreten Lebenslagen abhängig ist. Unter Zwang vollzogene Rückkehr wird allgemein als die schlechteste Voraussetzung für Integrationserfolg gesehen.
• Remigration ist ebenso wie Migration immer im Kontext der wanderenden und verbleibenden Teile der Familien zu sehen. Vielfach erscheint das Migrationsprojekt als ein komplexes Geflecht von materiellen und immateriellen Schuld-und Verdienstkonten, die über Generationen geführt und abgeglichen werden.
• Der hohen Bildungsaspiration türkischer Familien, die vielfach als eine Art späte Rechtfertigung des gesamten Migrationsprojekts gesehen wird, stehen hohe Arbeitslosigkeit für Akademiker und unzureichende Informationen über deie tatsächlichen Chancen der Rückwanderer auf dem Arbeitsmarkt gegenüber.
• Die Informationslage der Rückkehrwilligen wird allgemein als unzureichend eingeschätzt. Es bestehen zwar sowohl in Deutschland, wie auch in der Türkei eine ganze Reihe staatlicher und privater Beratungsangebote. Diese verfügen jedoch entweder nicht über ausreichende und zutreffende Informationen, oder aber sie werden aus uns bisher nicht bekannten Gründen von den Verbrauchern nicht angenommen.
• Gefordert werden:
• Eine Vernetzung der vorhandenen Informationen aus Deutschland, bzw. den anderen europäischen Immigrationsländern und der Türkei,
• Weitergehende und aktualisierte Forschung über den tatsächlichen Verlauf von Remigrations-Prozessen,
• Niedrigschwellige Beratung und Vorbereitung der Rückkehrwilligen in den Immigrationsländern, sowie Bildung von nicht-staatlichen Selbsthilfe-Organisationen im Rückkehrland.


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Remigration - Ein altes und ein neues Phänomen Becher Berichte 20.10.2003

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